«Was aus dir wird? Keine Ahnung» – Meine wilde Fahrt durchs Wahlstudienjahr

Sieben von zehn Monaten Krankenhaus-Praktikum sind schon vorbei. Sieben Monate, in denen ich sechs Mal umgezogen bin, sechs unterschiedliche Fachrichtungen kennen gelernt und gezwungenermassen auf vier verschiedene Arten Kaffee gekocht habe. Die Zeit verfliegt wie auf einer Achterbahn, mach dich gefasst auf eine wilde Fahrt:

 

Erste Station: Zürich, Augenklinik
«Du wirst bestimmt nicht Augenärztin, das sehe ich an deinen Schuhen», prophezeit mir ein Assistenzarzt aus der Augenklinik in Zürich. Verwirrt schaue ich zu meinen Füssen herunter: Eisblaue, sandalenartige Schuhe sitzen an meinen Füssen. Meine nackten Zehen mit in derselben blauen Farbe lackierten Zehennägel schnappen nach frischer Luft.

Kaum einer gönnt sich den Luxus von pilzfreien Füssen, es ist ein ungeschriebenes Gesetz: Zeige keine nackte Haut von den Fussgelenken abwärts, sonst deckt die Unfallversicherung nichts. Ich fühle mich wie eine Kleinkriminelle auf frischer Tat ertappt. «Augenärzte sind eitle Menschen, diese Schuhe würde niemand tragen», erklärt er meinem ungläubigen Gesicht und meinem leicht angekratzten Ego: «Was aus dir wird? Keine Ahnung.»

Basel, Gynäkologie

«Die Patientin ist vollständig eröffnet, sie fängt bald an zu pressen», rapportiert eine Assistenzärztin auf der Geburtenstation, kurz GEBS. Sie trägt manchmal Flipflops, weshalb ich mich sehr gut mit ihr verstehe. Wir haben den schwangeren Bauch bereits geschallt und das runde Köpfchen in Schädellage (Köpfchen unten, Hintern oben) sowie das Herzchen schlagen sehen. Dem Baby geht es gut. Wehen und Schmerzen hat die Patientin schon seit einigen Stunden. Sie ist schon ziemlich erschöpft, unsicher und ängstlich. Es ist ihr erstes Kind.

Gleichzeitig im Raum nebenan entgleisen die Herztöne eines anderen kleinen Babys. Die Geburt dauert schon viel zu lange, die Blutversorgung nimmt ab, das Kleine bekommt zu wenig Sauerstoff. Kein Sauerstoff heisst: Es muss sofort raus, und zwar per Notfall-Kaiserschnitt. Wir müssen uns beeilen. Die Frau weint hemmungslos, nichts läuft so, wie sie sich das vorgestellt hat. Ihrem Kind geht es nicht gut. Ihre Geburt wurde zum Notfall. Sie ist der Situation völlig ausgeliefert, ohnmächtig.

Fünf Minuten nach getroffener Entscheidung kommt es zum ersten Schnitt, zum ersten Blut. Schicht für Schicht arbeitet man sich von der Bauchdecke runter zum Uterus. Für Blutstillung bleibt keine Zeit, das Baby muss raus. Die Gebärmutter ist frei präpariert, wir sind fast am Ziel. Alle atmen miteinander kurz ein und aus, sammeln nochmals die volle Konzentration.

Dann wird die Gebärmutter eröffnet. Eine Mischung aus Fruchtwasser und Blut überflutet schlagartig den Tisch, für Anfänger wie mich wird die Situation unübersichtlich. Ich sehe nur die viele rote Flüssigkeit und denke: «Wo ist das Baby?» Mit gekonntem Griff greift die Oberärztin in den Uterus und zieht das kleine, bläuliche Wesen zügig und doch sanft aus der Fruchthöhle. Schnell wird die Nabelschnur durchtrennt, das Baby in warme Tücher gewickelt. Die Situation ist angespannt. Ein Schrei durchdringt den Saal. Alle sind spürbar erleichtert.

Obwohl meine Augen nur auf das nun rosafarbene Kind fokussieren, haben Gynäkologen eine andere Aufgabe: die Mutter. Das Neugeborene wird sofort den Neonatologen übergeben, denn die mütterliche Blutung muss gestillt werden. Schicht für Schicht wird nun wieder sorgfältig zusammengenäht bis nur noch eine horizontale 14 Zentimeter lange, rote Linie über dem Mons pubis der Frau, gut versteckt in der Bikinizone, an das vergangene Ereignis erinnert.

Doch die Mutter wird es nie vergessen. Sie zittert, zuckt gar. Weint und weint und weint. Ihr Kleines kann sie nicht selbst in den Armen halten, denn sie hat kaum Kontrolle über ihre Extremitäten. Diese Geburt war ein traumatischer Schock, der ihr noch Tage später in den Knochen sitzen wird.

Währenddessen hat die Mutter aus dem ersten Raum angefangen zu pressen. Ich darf dabei sein. Sie presst und ihr ganzer Körper sieht aus wie ein einziger Muskel, der nur ein Ziel hat: dieses Kind zu gebären. Ihr Mann sitzt fassungslos neben ihr und ist so weiss wie die Wand. Die Geburt verläuft schnell und nach ein paar wenigen Zyklen des Pressens ist das Kind auf der Welt. Dem kreidebleichen Vater kullern die Tränen über die Wangen, die Mutter hält ihren winzigen Schatz eng umschlungen. Ein leises Familienglück. Meine Augen werden feucht.

Aarau, Neurologie
Mit einer schweren Sporttasche voller Kleider, meinem Computer, den nötigsten Fachbüchern und hygienischen Artikeln begebe ich mich in die Wohngemeinschaft meiner zwei Brüder. Morgen fange ich auf der Neurologie in Aarau an.

«Hallo! Ich bin Josie, neue Unterassistentin auf der Neurologie», werden am folgenden Tag meine meist ausgesprochenen Wörter sein. Einmal habe ich den Fehler begangen und mich bei einer Oberärztin nicht vorgestellt. In so ein stürmisches Gewitter möchte ich nicht noch einmal geraten. Deshalb stelle ich mich seither gar zwei oder dreimal bei derselben Person vor, bis sie mir sagen: «Josie, ich weiss schon.»

«Schauen sie bitte mit ihren Augen meinem Finger nach und bleiben sie mit dem Kopf dabei möglichst still», instruiere ich einen Patienten. Ich bin gerade dabei einen sogenannten NIHSS zu evaluieren; eine Skala, die man für Verlaufskontrollen bei Stroke-Patienten benutzt.

Die Interaktion zwischen uns ist noch etwas harzig. Der Patient kennt mich nicht und ist mir gegenüber skeptisch. Ich bin ein weiteres Gesicht von vielen, vielen anderen, die den ganzen Tag hindurch vorbeikommen und irgendetwas von ihm wollen.

Ich will, dass er mir meinem Finger nachschaut. «Das sieht gut aus, nun bitte die Stirn runzeln, gut. Die Augen zukneifen.» Während ich ihm die Anweisungen erteile, mache ich selber auch gleich mit: «Die Backen aufblasen, super. Können sie pfeifen? [Pfeifton] Zum Schluss dürfen Sie noch für mich lächeln.» Knirsch, knack. Das Eis ist gebrochen. Der Patient und ich beschenken einander mit dem wunderschönsten Lächeln, das wir haben. Die Skepsis ist verflogen, jetzt kann ich so viel untersuchen, wie ich nur möchte.

Basel, Tropeninstitut
«Schau her, siehst du diese verdickten Nerven?», fragt mich ein sehr weiser, richtig guter Arzt, den ich bewundere: «Diese Handdeformationen kommen nicht von einer rheumatischen Erkrankung, bedenke auch, woher dieser Patient stammt. Da gab es früher viele Fälle von… ?» Ich bin ein Glückspilz. Genau diese Erkrankung habe ich am Vortag mit der Assistenzärztin besprochen: «Lepra!»

Wenn ich nun an diese Situation zurückdenke, kann ich es kaum fassen. Als Kind habe ich Geschichten über Lepra gelesen, hatte bunte Bilder im Kopf, wie das wohl aussehen würde, wenn einem die Nase abfällt. Eine übertrieben stigmatisierte Erkrankung. Da bin ich nun, gute 15 Jahre später, und kann die Erkrankung an einem Patienten erkennen. Ist das überhaupt möglich?

Was soll aus mir werden?
Ich kann nicht leugnen, dass mich die Praktika nicht auch unheimlich frustriert haben. Nichts ist wirklich so, wie man sich das im Studium vorgestellt hat. Hierarchien spielen an manchen Orten eine unheimlich grosse Rolle, an anderen weniger. Einige lästern über dein Schuhwerk, andere beschäftigen sich mit Medizin. Einige betreuen Kund*innen, andere behandeln Patient*innen. Nun, was möchte ich tun? Wie möchte ich arbeiten?

Mein Wahlstudienjahr fühlt sich so an, als wäre man eine Schauspielerin in einem Film, der vorgespult wird. Alles läuft unheimlich schnell und danach sitzt man vor dem Abspann, überwältigt von den vielen Eindrücken. Ich kenne Kommiliton*innen, die nun genau wissen, in welche Fachrichtung sie sich nach dem Studium spezialisieren wollen. Dann gibt es andere, wie mich, die alles und doch nichts wollen.

Alle gemeinsam hegen wir manchmal Zweifel an unseren Kompetenzen, haben das Gefühl nichts zu wissen und nichts zu können und doch gibt es diese Momente, in denen man Lepra erkennt. Das medizinische Selbstvertrauen befindet sich erst in den Startlöchern.

Wie mein weiterer Weg aussieht, ist mir genauso wie dem Augenarzt von Zürich noch schleierhaft. Erst einmal geht es zwei Monate ins Graubünden. Nach diesen sieben Monaten weiss ich aber, was mir wichtig ist: Dass sich Patienten bei mir wohlfühlen, mir vertrauen können. Das allein ist bereits eine Sisyphos-Aufgabe. Meinen steinigen Weg den Berg hinauf werde ich schon irgendwie beschreiten. Vielleicht auf Umwegen, aber ganz bestimmt mit meinen eisblauen Sandalen.

 

Josefin Kaufmann

Mit viel intrinsischer Motivation studiert Josefin Kaufmann Medizin; der Schlüssel zum Erfolg ist der Kaffee. Bunt gekleidet, oft zu spät, immer am Lachen. Obwohl sie es geniesst, Köstlichkeiten zu schmausen, befindet sich oft nur Licht und Senf in ihrem Kühlschrank. Auf dem Fahrrad recht gefährlich unterwegs, sind Sonntagsfahrer und rote Ampeln ihr ein Dorn im Auge. Fahrradhelm ist aber ein Muss, Medizinstudium sei Dank.

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