Warum ich Jus studiere

Es gibt viele Gründe, um Rechtswissenschaften zu studieren. Lorena Christ erzählt in ihrem Gastbeitrag, warum sie sich für Jus entschieden hat. Während des Studiums musste sie zwar einige Vorstellungen über Bord werfen, entdeckte jedoch auch neue Facetten an den Rechtswissenschaften.

Jus studiert man, um Anwalt zu werden. Ein Anwalt, der mit Anzug und zurückgekämmten Haar durch den Gerichtsaal läuft, jegliche Gegenargumente niederschmettert und mit viel Geld in der Tasche wieder aus dem Raum stolziert – so sieht zumindest die Vorstellung vieler Familienmitglieder von Jusstudierenden oder auch von den Studierenden selbst aus.

Dann gibt es noch die andere Gruppe: die Gruppe, die wegen der Liebe zum Gerechten und Rechten, wegen des Wunsches, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, zum Rechtswissenschaftsstudium finden. Zu dieser zweiten Gruppe gehörte ich und war damit schon zu Beginn Ziel des Spottes. Dies sei die falsche Motivation, warnte man uns, denn das Recht führe nicht immer zu Gerechtigkeit.

Anfangs wehrte ich mich gegen diese Warnungen. Heute muss ich mir eingestehen, dass diejenigen, die uns belächelten, wohl teilweise richtig lagen. Es ist nicht das einzig verfolgte Interesse unserer Rechtsordnung, die Welt vor allem Bösen und Ungerechten zu schützen. Besonders nüchtern drückt es Rechtssoziologe N. Luhmann aus: «Das Recht ist, was das Recht als Recht bestimmt.»

Wieso studiere ich also immer noch Jus? Ich habe eingesehen, dass das Recht mehrere Funktionen hat, die nicht nur alle ihre Berechtigung haben, sondern die Materie erst so spannend und komplex machen. Das Recht regelt, vereinfacht, beugt vor, ordnet, schützt und bestraft. Und auch wenn man durch das Jusstudium nicht die Welt retten kann, so kann man doch kleine, allmähliche Veränderungen hervorrufen.

Praxisnah und vielseitig

Auch an anderen Aspekten des Jusstudiums habe ich Gefallen gefunden: Die Art und Weise, wie sich das Recht bildet, wie es unsere Gesellschaft prägt und wie wiederum die Gesellschaft das Recht prägt, fasziniert mich. Trotz aller Vorurteile ist das Recht nämlich sehr praxisnah und greifbar. Jeder Mensch kommt früher oder später damit in Berührung.

Schon zu Beginn des Studiums taucht man in echte Fälle und brisante, aktuelle Fragestellungen ein. Man lernt, Texte zu analysieren, stichfest zu argumentieren und selbst professionelle Texte zu schreiben. Anders als beim Medizinstudium – und entgegen der weit verbreiteten Meinung – gehört stures Auswendiglernen nicht zum täglichen Brot. Vielmehr ist analytisches Denken gefragt: Gesetze sind da, um ausgelegt und interpretiert zu werden.

Anders als in der Mathematik gibt es oft kein Richtig oder Falsch, sondern eine Vielzahl an vertretbaren Lösungen und Meinungen. Und im Unterschied zu den Naturwissenschaften hat man auch meist ein relativ baldiges Ergebnis und Erfolgserlebnis. Wer jedoch nicht gerne liest und schreibt, der ist am falschen Ort. Beim Jusstudium ist nämlich relativ viel Büroarbeit gefragt, wobei dieses durch Tutorate in kleinen Gruppen aufgelockert wird.

Vorurteil mit wahren Kern

Das Vorurteil, dass Jusstudiederende im mathematischen Bereich Banaus:innen sind, kann ich indessen nicht ganz von der Hand weisen. Für mich waren die ausbleibenden Mathematikvorlesungen zwar kein Grund für meine Studienwahl, jedoch habe ich im Verlauf der Jahre gemerkt, dass meine Mathe-Kenntnisse signifikant abgenommen haben. Basics spielen aber auch im Jusstudium eine Rolle: So müssen wir im Sachenrecht Gläubigeransprüche bestimmen, im Familienrecht die güterrechtliche Auseinandersetzung bei einer Scheidung ausrechnen und im Erbrecht das Vermögen richtig auf die Erben aufteilen. Ganz um die Zahlen kommt ihr also bestimmt nicht herum!

Nun – für wen ist das Jusstudium geeignet? Sture, argumentationsfreudige Besserwisser, die kein Mathe können? Nicht ganz. Während die Mathematik, wie erwähnt, in der Tat keine grosse Rolle in den Rechtswissenschaften einnimmt, wird sehr wohl Kompromissfähigkeit verlangt. Wie bereits angedeutet, gibt es im Recht oft viele verschiedene Meinungen – und ja, es kommt vor, dass sich einzelne Autor:innen jahrelang über kleine, scheinbar unbedeutende Detailfragen streiten. Wer jedoch die Meinungen anderer nicht akzeptieren oder wahrhaben kann, kommt in der Rechtswissenschaft nicht weit. Kurz: Argumentationsfreude ja, Sturheit nein.

In diesem Sinne ist wohl auch anzuerkennen, dass es ganz viele verschiedene Arten von Jusstudierenden gibt. Die richtigen Gründe, Jus zu studieren, oder die richtige Art von Jusstudierenden gibt es nicht. Bei meiner Studienwahl war auch ein wenig Bauchgefühl im Spiel.

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