Über Wissen und Nichtwissen – Wie die Uni mein Denken verändert hat

Bild: Universität Basel/UZB, Photo Basilisk

Die Tage werden schleichend kürzer, die Temperaturen herber und wir müssen uns mit dem Gedanken abfinden, dass wir diese Woche vielleicht die letzten Sonnenstrahlen zu Gesicht bekommen. An der Universität Basel steht das Herbstsemester vor der Tür und mit ihm 1465 Personen, die ihr Bachelorstudium antreten. Mein Studienbeginn liegt schon einige Jahre zurück und es fällt mir schwer, mich an mein erstes Semester und an die Gedanken, die mir damals im Kopf kreisten, zu erinnern. Er muss sich aufregend angefühlt haben, dieser Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt, wie das Stechen in unbekannte Gewässer. Dass die Universität meine Art zu denken von Grund auf verändern würde, dessen war ich mir damals bestimmt noch nicht bewusst.

Wenn ich zurückblicke und an meine Zeit am Gymnasium denke, fliegen mir heute nur noch Erinnerungsfetzen durch den Kopf. Das kollektive Verdauungsdelirium in der Doppelstunde Wirtschaft & Recht, nachdem sich die gesamte Klasse in der Mensa den Bauch vollgeschlagen hatte. Heftige Diskussionen in Philosophie und die Differenzialrechnung, der ich nicht gewachsen war. Das klassenübergreifende Zusammenkommen über Mittag, das Austauschen der aktuellsten News und das Pläneschmieden darüber, wo am Wochenende das beste Konzert gespielt würde. Französisch-Wörter büffeln, Klassiker lesen, bei Prüfungen nicht schnell genug schreiben können, um das Gelernte zu Papier zu bringen, Mathematik-Hausaufgaben kopieren, auf Abschlussreise fahren und das Sommernachtsfest durchtanzen.

Da war dieses Gefühl sich als Teil einer grösseren Gemeinschaft zu fühlen: der Jahrgang, die Klasse, der enge Freundeskreis. Leidensgenossen waren wir, wenn es Prüfungen auf uns regnete und die Lehrpersonen vergassen, dass wir neben der Schule auch noch heranwachsen sollten. Dicke Freunde wurden wir, weil wir uns gemeinsam gegen diesen Stress stemmten und in den vielleicht prägendsten Jahren zusammen um die Häuser zogen.

Und dann brachen wir auf, von den hinterletzten Dörfern dieses Landes zogen wir in die Stadt, nach Basel, Bern oder Zürich und plötzlich bestimmte nicht mehr der Wohnort über die Zusammensetzung der Sippe, sondern die Interessen. Denen durften wir endlich folgen, um jenes Fach zu studieren, wofür wir brannten. An der Universität wurde mir dann sehr schnell klar, dass ich in den kommenden Jahren von Experten umgeben sein würde und solchen, die es werden wollen. Diese Dichte von Fachwissen und die Aussicht, gemeinsam zu denken fasziniert mich bis heute.

Doch noch bevor wir Foucault lesen, über Hannah Arendt diskutieren und Hegel verwirrt zur Seite legen würden, galt es, die eigene Bleibe einigermassen in Stand zu halten und zu beweisen, dass wir mit der neu erlangten Freiheit umzugehen wussten. Nicht nur das Kuratieren des Kühlschrankinhalts forderte Eigenverantwortung, sondern vor allem das Studium. Plötzlich schrieb einem niemand mehr vor, was man zu tun hatte. Hausaufgaben gab es kaum und bei Prüfungen abzuschreiben, schien vollkommen bescheuert. Am Gymnasium habe ich mechanisch Stoff in mich reingestopft und kurze Zeit später das Gelernte identisch auf Prüfungsblätter niedergeschrieben. Ich habe in Unterrichtsstunden gesessen, in denen ich nichts anderes tat, als dem Sekundenzeiger auf dem Ziffernblatt zu folgen. Nichts davon habe ich während meinem Studium wiederholt.

Natürlich kann man sich das Leben an der Uni leicht machen: kaum Veranstaltungen besuchen, sich Vorlesungen mit Online-Shopping vertreiben und Texte ungelesen unters Kopfkissen legen. Das Problem ist nur, dass man damit nicht mehr länger die Lehrer, sondern vor allem sich selbst verarscht, denn kollektives Denken funktioniert nur, wenn alle bereit sind, ihren Beitrag zu leisten. Zusammenhänge, Kritik und Reflexion fordern ihr Tribut.

Das Studium an der Universität verlangt nach Disziplin und Selbstverantwortung, denn plötzlich ist da keine höhere Instanz mehr, die einem vorschreibt, wann man wo was zu lernen hat. Auch die Konfrontation mit Noten wurden im Studium immer rarer (PASS ist keine Note!) und somit musste ich mich der Qualität meiner Leistung stets selbst vergewissern. Lernen an der Universität bedeutet Durchhaltevermögen ohne Zwang und Überzeugung ohne Belohnung.

Es ist ein bisschen, als würde den Erstsemestlern zu Beginn des Studiums ein grosser Brocken Eigenverantwortung in die Hände gelegt und zugeschaut, wie sie damit jonglieren lernen. Für mich mündete dies darin, dass nichts mehr selbstverständlich schien und ich fortan alle meine Handlungen hinterfragen musste. War die Wahl des Studienfachs die richtige Entscheidung? Bin ich diesem Niveau gewachsen? Werde ich mich irgendwann in einem Seminar auch einmal zu Wort melden? Und wenn wir schon bei den existenziellen Fragen angekommen sind, werde ich mit dieser Tätigkeit jemals auch nur die Miete bezahlen können?

Denn je weiter man im Studium voranschreitet, desto unverblümter wird man aus der universitären Blase in die Arbeitswelt katapultiert. Die Uni ist der letzte Ort, an dem man noch in den Genuss von Narrenfreiheit kommt und sich zeitgleich mit dem Ernst des Lebens beschäftigen muss. In ihrem Text Summa cum gaudi bezeichnet die Kolumnistin Nina Kunz die Zeit an der Uni als Testphase zwischen Pubertät und Realität. Man ist zwar schon irgendwie erwachsen, aber so ganz kriegt man sein Leben noch nicht auf die Reihe.

In meinem ersten Semester an der Universität habe ich eine Vorlesung besucht, in welcher der dozierende Professor uns eine Methode des Nachdenkens beizubringen versuchte. Das Prinzip sei simpel, meinte er, auch wenn es kaum Anwendung finde. Wer seine Gedanken weiterspannen wolle, müsse stets innerlich mit sich selber diskutieren: jede als Wahrheit getarnte Aussage, jedes Argument und jede Beurteilung solle man selber zu widerlegen versuchen. Eine neue Art zu Denken eröffnete sich mir.

Wenn ich mich aber von allen an der Universität angeeigneten Fähigkeiten auf nur eine beschränken müsste, so sähe ich das Erlernte mit dem Begriff der Geduld am besten umschrieben. Mein Studium hat mich gelehrt, geduldig zu sein und das Unwissen auszuhalten, während man sich in kleinen Schritten gemächlich dem Halbwissen nähert.

Lisa Gianotti

Beim Betrachten einer zerbrechlich verkrampften Hand von Egon Schiele hat sich Lisa Gianotti dazu entschieden, Kunstgeschichte zu studieren. Von der schwerwiegenden Nebeldecke über dem Aargau ist sie der Sonne nach Basel gefolgt. In Museen findet sie die Ruhe, die in ihrem Kopf nicht immer herrscht. Wenn sich keine Leinwand vor ihren Augen befindet, dann tönen Klänge im Ohr. Sie würde gerne seltener Seminararbeiten und öfter Gedichte schreiben und ist in allem, was sie tut, nur halb so schnell wie ihre Mitmenschen.

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