Sex and the City. Auf einem Frauenstadtrundgang durch Basel

Was hat das Basler Münster mit Prostitution zu tun? Warum liess sich um 1900 mit Abtreibungen ordentlich Geld verdienen? Und wo kaufte man bis 2017 die besten Kondome Basels? All das erfährt, wer sich mit auf einen Frauenstadtrundgang durch das historische Basel begibt.

Auf halbem Weg zwischen Gross- und Kleinbasel, auf der Mittleren Brücke, steht eine kleine Kapelle mit farbigem Ziegeldach. Das Käppelijoch ragt von der Brücke leicht abgesetzt auf einer erhöhten Plattform über dem Rhein. Heute hängen Vorhängeschlosse von Liebenden am Gitter der Kapelle, auf den Stufen davor werden Selfies geknipst und Sandwiches verdrückt. Man käme kaum auf die Idee, dass an diesem friedlichen Ort im frühneuzeitlichen Basel Kindsmörderinnen ertränkt und enthauptet wurden.

Jeder noch so unscheinbare Ort einer Stadt hat eine Geschichte, die sich meistens nicht auf den ersten Blick erschliessen lässt, deswegen jedoch nicht minder würdig ist, erzählt zu werden. Der Verein Frauenstadtrundgang Basel nimmt sich seit über 30 Jahren diesen Geschichten an. Er bietet Stadtspaziergänge an, die Erkenntnisse aus der Frauen- und Geschlechterforschung aufgreifen, einem breiten Publikum vermitteln und dadurch neue Blicke auf Basel ermöglichen.

An einem regnerischen Oktoberabend habe ich am Rundgang «Ein Blick durchs Schlüsselloch. Sex, Sitten- und Kriminalitätsgeschichte im historischen Basel» teilgenommen. Wir, eine Gruppe von rund 20 Teilnehmerinnen, sind während 90 Minuten vom Rheinsprung durch die Augustinergasse, über den Münsterplatz bis zur Martinskirche spaziert und haben den beiden Historikerinnen Salome und Rahel aufmerksam gelauscht. Wer jetzt an ein ödes Referat aus dem Geschichtsunterricht denkt, liegt komplett daneben. Die beiden Guides haben uns prickelnde Geschichten erzählt, in Juristenrobe Gerichtsprotokolle nachgespielt, Verhöre rezitiert und schlüpfrige Postkarten verteilt.

Sex und Prostitution auf dem Münsterplatz
Besonders faszinierend dabei war, dass das Erzählte stets mit der Stadt in Verbindung gebracht wurde und man dadurch das Gefühl hatte, seine Umgebung plötzlich besser zu verstehen. So haben wir beispielsweise erfahren, dass auf der Basler Pfalz das Sexgewerbe im Mittelalter besonders florierte, weil sich Prostituierte mit ihren Kunden hinter den Strebepfeiler des Münsters ungestört treffen konnten. Vor genau dieser ungezügelten Sexualität wird am Hauptportal des Münsters ausdrücklich gewarnt. Eine galante männliche Figur bezirzt eine törichte Jungfrau, die dem Charme des Jünglings erliegt und sich lächelnd zu entkleiden beginnt. Eine verführerische Szene, mag man denken, bis man etwas näher ans Portal herantritt und die Schlangen und Frösche am Rücken des Verführers erkennt, die auf sein Unheil bringenden Charakter verweisen.

Abtreibung, Kindesmord und uneheliche Schwangerschaften bei der Martinskirche
Vorehelicher Sex konnte vor allem für Frauen verheerende Konsequenzen haben. Wer ohne Eheversprechen mit einem Mann schlief, dem drohte der Verlust des Rufes als «ehrbare Jungfrau». Durch die Degradierung zur «unverschämten Tochter» verloren Frauen nicht nur ihre Ehre, sondern auch ihre Kredibilität vor dem Basler Ehegericht.

Ebenfalls prekär waren die Umstände für Frauen, die ungewollt schwanger wurden. Da der Zugang zu Verhütungsmittel und Abtreibungen beschränkt war, wurden uneheliche Kinder bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts oft nach der Geburt getötet oder bei Kirchen und Waisenhäusern ausgesetzt. Obwohl das Ausführen von Abtreibungen um 1900 in Basel mit einer Gefängnisstrafe verhängt war, gab es zahlreiche Frauen aus der Unterschicht, die Abtreibungen als rentablen Nebenverdienst durchführten.

Die Stigmatisierung von Abtreibungen und unehelichen Kindern lässt sich bis in die jüngste Geschichte zurückverfolgen. An einer der letzten Station unseres Rundganges lernen wir, dass in der Schweiz unter dem Vorwand «fürsorgerischer Zwangsmassnahmen» Zehntausende Menschen teils jahrelang in Anstalten eingewiesen wurden, weil man ihnen unter anderem eine «liederliche» Lebensführung vorwarf. Junge Frauen, die unehelich schwanger wurden, setzte man unter enormen psychischen Druck und zwang sie, einer Abtreibung, einer Sterilisation oder einer Adoption ihrer Kinder zuzustimmen. Erst 1981 wurde diese Praxis auf Druck der europäischen Menschenrechtskonvention abgeschafft.

Zum Schluss unseres Rundgangs versammeln wir uns vor einem kleinen Ladenlokal, wo heute Mistifry vegane Donuts verkauft. Von 1980 bis 2017 wurden in der ehemaligen Condomeria ausgefallene Präservative und Sexspielzeug verkauft. Gegründet wurde die Condomeria als Reaktion auf die Ausbreitung von Aids in der Schweiz.

Während wir durch die Gassen Basels schlendern, wird mir allmählich bewusst, dass die Stadtgeschichte überall ist. Sie lässt sich nicht nur an prächtigen Kirchenportalen, imposanten Denkmälern und wahrzeichenhaften Ratshäusern ablesen, vielmehr kann man sie in zwielichtigen Gassen wiederfinden, an Hausfassaden dechiffrieren, ja, sie versteckt sich selbst hinter dem Strebewerk von Kirchen.

Lisa Gianotti

Beim Betrachten einer zerbrechlich verkrampften Hand von Egon Schiele hat sich Lisa Gianotti dazu entschieden, Kunstgeschichte zu studieren. Von der schwerwiegenden Nebeldecke über dem Aargau ist sie der Sonne nach Basel gefolgt. In Museen findet sie die Ruhe, die in ihrem Kopf nicht immer herrscht. Wenn sich keine Leinwand vor ihren Augen befindet, dann tönen Klänge im Ohr. Sie würde gerne seltener Seminararbeiten und öfter Gedichte schreiben und ist in allem, was sie tut, nur halb so schnell wie ihre Mitmenschen.

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