x
Loading
+ -
campus stories
06. November 2019 / Sprachen, Medien & Kunst, Studium & Campus , Aileen Diewald

«Je mehr Praxiserfahrung man hat, desto besser»

Johannes Hapig
Ein Interview mit Germanistik- und Philosophie-Alumnus Johannes Hapig, Chefredakteur bei «m&k - Das Magazin für Marketing und Kommunikation» (Bild: zvg).

Was nimmt man aus dem Studium ins Berufsleben mit? Die Antwort auf diese Frage gibt gerade bei Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftlern immer wieder Anlass zu Diskussionen. Germanistik- und Philosophie-Alumnus Johannes Hapig erklärt im Interview, warum gerade seine Nebentätigkeiten wegweisend für den Einstieg in sein jetziges Arbeitsfeld, dem Journalismus, waren.

Du arbeitest als Redaktor im Marketing- und Kommunikationsbereich. Kannst du kurz schildern, welche Tätigkeiten dein Aufgabenbereich umfasst?
Ich bin Redaktor bei zwei Fachzeitschriften, „MK Marketing und Kommunikation“ sowie der Werbewoche. Dort decke ich ganz verschiedene Themen ab. Zum Beispiel schreibe ich in MK Marketing&Kommunikation über neue Technologien, mit denen man besseres Digital Marketing oder Suchmaschinenoptimierung betreibt; recherchiere, wie man seine Website so anpasst, dass sie bei Google gefunden wird oder wie man Social Media nutzt, um seine Produkte oder sein Unternehmen ideal zu präsentieren.

In unserer anderen Zeitschrift, der Werbewoche, schreibe ich aber auch Portraits über Schweizer Werberinnen und Werber, über Gründerinnen und Gründer grosser Agenturen oder über CEOs. Als Redaktor macht man im Grunde wirklich das ganze Portfolio von Blattplanung bis hin zur Führung freier Mitarbeitenden. Natürlich betreibt man auch selbst Recherche und schreibt Artikel.

Viele Studierende sorgen sich um den Berufseinstieg. Wie sah das bei dir aus?
Ich habe mich darum nicht so gesorgt. Das hat vor allem damit zu tun, dass ich schon sehr früh angefangen habe zu arbeiten. Ich habe mit 15 Jahren ein Praktikum bei einer Lokalzeitung in Deutschland gemacht und bin dann dort als freier Mitarbeiter geblieben. Während der Uni habe ich ganz verschiedene Jobs gehabt. Ich habe als Host bei der MCH Group gearbeitet, an der Uni als Hilfswissenschaftler und in der Studienberatung in der Administration. Es gab kein Semester, in dem ich keinen Job gehabt hätte.

Ich wusste also schon, dass ich bereits ein bisschen Berufserfahrung habe und mich ein wenig damit auskenne, wie man sich bewirbt und wie es sich anfühlt, einen 9-to-5-Job auszuüben. Und ich hatte auch schon einen Eindruck gewonnen, wie man sich als Geisteswissenschaftler präsentieren kann, damit man auch in einem wirtschaftlichen Kontext interessant ist. Mir ist schon relativ früh klar geworden, dass es sich gerade bei Nebenjobs lohnt, sich für Stellen zu bewerben, die eine gewisse Textkompetenz und ein gewisses Reflexionsvermögen erfordern.

Haben dir deine Arbeitserfahrungen während des Studiums sowie die dabei erworbenen Praxiserfahrungen deinen Berufseinstieg erleichtert?
Ja, ein gewisses Arbeitsethos zum Beispiel. An der Uni ist es ja oft so, dass man sehr, sehr frei ist. Natürlich muss man Seminare vor- und nachbereiten, man muss Hausarbeiten schreiben, aber man kann schon sagen: «Wenn ich heute Nachmittag frei habe, dann setze ich mich nicht in die Bibliothek, sondern gehe in den Park oder an den Rhein.» Und das ist auch völlig okay. Das Studium ist schliesslich auch dafür da. Ich habe durch die Jobs schon sehr früh gelernt, was Pflichtbewusstsein bedeutet und was es heisst, Verantwortung zu tragen.

Welche Fähigkeiten hast du denn darüber hinaus durch dein Studium erlernt, von denen du heute in deiner Tätigkeit als Redaktor profitierst?
Vor allem hat mich das Studium Textkompetenz gelehrt. Meiner Meinung nach ist Textkompetenz heutzutage in ganz vielen Berufen unheimlich wichtig. Wenn man aus einem geisteswissenschaftlichen Kontext kommt, ist das also eine Schlüsselfähigkeit, die du gerade in den Branchen, in denen ich mich bewege – also Marketing, Public Relations, Corporate Communication und Advertising – wahnsinnig stark brauchst und die gar nicht so oft vorhanden ist. Und das ist wirklich etwas, was wir in geisteswissenschaftlichen Studiengängen lernen: Lesen, paraphrasieren, schreiben und argumentieren. Ausserdem lernen wir in den Geisteswissenschaften im Vergleich zu anderen Disziplinen, respektvoll aber nachdrücklich zu diskutieren, zu argumentieren und Positionen darzustellen.

Hat dich das Studium darüber hinaus auf deine Arbeit als Redaktor vorbereitet?
Nein. Überhaupt nicht. Das Studium hat mich auf den Berufsalltag nicht vorbereitet, weil ich ganz bewusst ein nicht-praxisorientiertes Studium gewählt habe. Philosophie und Deutsch sind nicht konzipiert, um auf einen konkreten Beruf vorzubereiten. Als Redaktor, der selbst Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellt oder rekrutiert, kann ich einfach sagen: Jemand, der Journalismus studiert hat, hat bei uns schlechtere Chancen als jemand, der zum Beispiel Philosophie oder Deutsch studiert hat.

Man sagt, dass es besser ist, ein geisteswissenschaftliches Fach zu studieren, um in diesem Bereich Wissen anzusammeln und gleichzeitig Text- und Argumentationskompetenz zu erlernen. Das ist empfehlenswerter als Journalismus zu studieren und in keinem Gebiet ein vertieftes Wissen zu haben, sondern nur den Rahmen, um über etwas schreiben zu können.

Würdest du also sagen, dass deine Fächerwahl eine Eintrittskarte in den Journalismus war oder würdest du anderen Studierenden, die nach dem Studium im Journalismus Fuss fassen wollen, eine andere Richtung empfehlen?
Ich würde Studierenden, die in den Journalismus gehen wollen, empfehlen, genau das zu studieren, was ihnen Spass macht. Wenn man beispielsweise Wissenschaftsjournalist oder -journalistin werden möchte, um über Naturwissenschaften oder Medizin zu schreiben, gibt es da nur sehr wenig Leute, die vertieftes Wissen haben, weil wenige Physiker oder Ärztinnen sich entscheiden, ihren Beruf hinter sich zu lassen, um Journalistin oder Journalist zu werden. Jemand, der Medizin studiert und dann Journalist wird, wird sich daher nie um einen Job Sorgen machen müssen.

Das bedeutet: Wenn man gerne Journalist oder Journalistin werden möchte, sich aber beispielsweise auch für Mathematik oder Psychologie interessiert, sollte man dieses Fach studieren, da gut abschliessen und währenddessen bei einer Lokalzeitung arbeiten, um danach mit dem Rucksack an Know-How bei einer Zeitung zu beginnen. Das ist viel, viel erfolgversprechender als wenn man sagt: «Ich studiere jetzt Journalismus oder Kreatives Schreiben und dann nimmt mich schon jemand.»

Was ich auch empfehlen kann: Je mehr Praxiserfahrung man hat, desto besser. Vielleicht muss man dafür eben auch mal unentgeltlich schreiben oder bei einer Regionalzeitung anfangen und zu Kaninchenzüchtern oder zu irgendwelchen Quartiervereinen gehen. Da musste ich auch durch.

Wie hat der Bewerbungsprozess in deinem Fall denn genau ausgesehen und wie lange hat es gedauert, bist du nach Abschluss deines Studiums eine Festanstellung hattest?
Ich hatte mir lange überlegt, ob ich vielleicht eine Dissertation schreibe. Da das SNF-Projekt meiner Professorin abgelehnt wurde, habe ich entschieden, mich für andere Stellen zu bewerben. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits seit drei Monaten ein Praktikum in einer Marketing- und Kommunikationsabteilung, weil ich als Plan B zur Dissertation über eine Referenz in diesem Bereich verfügen wollte. Ich habe mich schlussendlich mit dem Praktikum und meiner Erfahrung als freier Journalist für meine jetzige Stelle beworben. Ich hatte dann zwei Vorstellungsgespräche und habe direkt eine Zusage bekommen. Ich habe also direkt nach dem Abschluss meines Masters mit dieser Stelle beginnen können.

Bist du zu Beginn trotz Praxiserfahrung auf Herausforderungen gestossen, die du nicht erwartet hättest? Ist dir etwas aufgefallen, was du rückblickend das Studium betreffend anders gehandhabt hättest?
Nein, es waren eher inhaltliche Herausforderungen. Ich hatte ja eher beschränktes Wissen über Marketing und ich war schon nach einer Woche an einem wichtigen Event, an dem sich die Schweizer Medienschaffenden treffen, um über das kommende Jahr zu sprechen.  Ich war unglaublich nervös, weil ich Angst hatte, dem nicht gewachsen zu sein. Ich habe im Vorfeld allerdings sehr viel gelesen und sehr viel recherchiert und mich sehr angestrengt, mit vielen Leuten sehr früh sehr ausführlich zu sprechen, um die Branche kennenzulernen, in der ich mich jetzt bewege. Also ja: Herausforderungen inhaltlicher Natur gab es. Aber das Arbeiten an sich – da gab es nichts, was ich nicht erwartet hätte.

Welchen Tipp würdest du deinem jüngeren Ich für den Einstieg in die Arbeitswelt und Studierenden bezüglich des Studiums mit auf den Weg geben?
Nach dem dritten oder vierten Bachelor-Semester habe ich erwogen, meine Studienfächer zu wechseln, weil ich ein bisschen Sorge hatte, ob ich darin Perspektiven habe. Da hat mir der Leiter der Studienberatung damals gesagt: «Sei ein glücklicher und engagierter Student in dem Fach, in dem du tätig bist, und dann wirst du Erfolg damit haben.»

Was ich allen Studierenden raten kann: Habt den Mut das zu machen, was euch wirklich interessiert, geniesst das Privileg, fünf Jahre eures Lebens in die Themen eintauchen zu können  und über die Themen sprechen und schreiben, diskutieren zu können, die euch wirklich bewegen. Seid lieber ein hervorragender Germanist oder eine hervorragende Soziologin als ein mittelmässiger Wirtschaftswissenschaftler oder eine mittelmässige Juristin. Ich glaube, wer Dinge im Leben mit Leidenschaft und Engagement macht, wird immer einen Platz finden. Denn Leidenschaft und Begeisterung für das, was du tust und das was du darstellst – das spüren Arbeitgeber.


Dieser Artikel erschien 2019 auf dem Beast-Blog der Universität Basel. Er wurde für Campus Stories aktualisiert. Aileen schrieb bis 2020 für den Beast-Blog.

nach oben