Ein Tag im falschen Studium – Mein Besuch bei den Knochenjägern

Wie wäre es, wenn ich mich für ein anderes Studienfach entschieden hätte, wenn ich jetzt nicht Kunstgeschichte, sondern Geowissenschaften, Informatik oder Zahnmedizin studieren würde? Wie anders sähen wohl mein Alltag, mein Freundeskreis und mein Bücherregal aus? Ich habe Lust einzutauchen, in eine mir unbekannte Welt und schlage den Beast-Autoren einen interredaktionellen Austausch vor: Was, wenn wir einander gegenseitig einen Tag lang im «falschen» Studium begleiten und danach darüber berichten?

Zwei Wochen später schliesse ich mich Louis an, der im vierten Semester Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archäologie studiert. Kunstgeschichte und Archäologie, zwei Disziplinen, die sich irgendwie mit alten Objekten beschäftigen, denke ich mir: Die Diskrepanz könnte schlimmer sein.

Volle Immersion ins analoge Zeitalter
Am Vorabend meiner Expedition in prähistorische Zeiten wird mir unfreiwillig ein Stein in den Weg gesetzt, ich reise in die prädigitale Ära: Mein Handy tätigt seine letzten Atemzüge und zieht sich dann für immer in den Ruhestand zurück. Ich muss die Route zum Institut für Integrative Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archäologie (IPNA) wohl auf analogem Wege finden.

Nachdem ich mir auf Notizpapier minutiös die Wegbeschreibung notiere, wird mir beim Stellen des Weckers der erste feine Unterschied zu meinem gewohnten Tagesablauf bewusst: Die Archäologen beginnen den Tag um acht, früh morgens! Während das kunsthistorische Seminar noch zwei Stündchen vor sich hin schlummert, wird am IPNA bereits doziert.

Louis verspricht mir verheissungsvolle Veranstaltungen. Am Morgen die Vorlesung «Kulturgeschichte Jungpaläolithikum bis Mesolithikum» (ich werde mir auch am Ende des Tages nicht viel unter den beiden Begriffen vorstellen können) und danach eine Übung in der Zoologischen Knochensammlung. Am Nachmittag werden wir uns der Archäoanthropologie widmen. Wie Bones, die Knochenjägerin, stelle ich mir mich vor und male mir aus, wie ich Sand von Knochen pinsle und dann andächtig vor mich hinmurmle: «Schädelfragment einer erwachsenen Frau.»

Versuchtes Verständnis
Pathos beiseite und zurück aufs Fahrrad. Nachdem ich einige Male falsch abgebogen bin, komme ich schliesslich etwas verspätet am Zielort an. Durch die Bibliothek schleiche ich mich zum Hintereingang in die Vorlesung, wobei in Frage gestellt werden kann, inwiefern man sich in einen Raum mit acht Personen überhaupt unauffällig reinschleichen kann. In der überschaubaren Menge kann ich keinen Louis erkennen, ich setzte mich trotzdem, ein Rückzieher ist keine Option.

In den kommenden zwanzig Minuten werde ich angestrengt den Erläuterungen der Dozentin zu folgen versuchen und auf Folien mit Bodenproben schauen, die wie hübsche Farbfelder an mir vorbeiziehen. Ich werde mich fragen, ob ich überhaupt in der richtigen Vorlesung sitze, während in regelmässigen Abständen schläfrige Studierende den Raum betreten, der sich langsam annähernd voll anfühlt.

Als Louis eintritt, berichtet die Dozentin von Star Carr, einem Fundplatz an der Ostküste Englands, an dem man viele Hirschgeweihe gefunden hat. Diese hätten vielleicht als schamanische Kopfbedeckung gedient, erklärt die Dozentin, während sie uns eine Illustration eines behaarten, eine Trommel schlagenden Menschen mit Hirschgeweih auf dem Kopf zeigt. Louis stupst mich und reicht mir sein iPad, worauf er mich über die skurrile Eigenart seines Fachs aufklärt: «Wenn etwas nicht erklärbar ist, dann ist es rituell. Immer!»

Tierknochen in den Händen
Um 10.00 Uhr geht es einen Stock tiefer in die Zoologische Sammlung, wo erlernt wird, wie man Knochen einem Tier zuordnet. Von mir unbekannten lateinischen Begriffen umgeben versuche ich den Überblick nicht zu verlieren und irgendwie nachzuvollziehen, weshalb diese Tibia einem Hirsch und keinem Schwein gehört haben muss und jener Humerus unzweifelhaft einst zur Schulter eines Rindes führte. Und, zum ersten Mal in meinem Leben, kriege ich ein Penisbein eines Hundes zu Gesicht, wer kann das schon von sich behaupten.

Knochen vermessen – Grössen berechnen
Zu guter Letzt machen wir uns auf zum Naturhistorischen Museum, wo wir die kommenden zwei Stunden Knochen vermessen werden. Im Museum wird kurzerhand ein Saal zum Seminarraum umfunktioniert, die Veranstaltung zweimal von einer Museumsdurchsage unterbrochen, in der die Besuchenden darauf aufmerksam gemacht werden, dass das Museum bald schliesst. In drei Sprachen, versteht sich.

Gegen Ende der Übung geht’s endlich ans Eingemachte, oder wohl eher ans Ausgetrocknete: Wir vermessen Knochen, um die ehemaligen Körpergrössen der Spender zu berechnen. Ich bin zeitgleich angezogen und abgestossen von diesen Fragmenten menschlicher Skelette, die einst Personen eine Statur verliehen, einem denkenden Gehirn eine Hülle boten.

Fazit und Feierabend
Gemeinsam strömen wir durch die Treppenhalle des Naturhistorischen Museums in den Feierabend hinaus. Das Grüppchen löst sich auf und ich werde mir der gemütlich kollegialen Stimmung bewusst, die unter den Studierenden und Dozierenden der Naturwissenschaftlichen Archäologie herrscht. Man kennt sich, ist mit den meisten per Du, lehrt und lernt in einer anregenden Atmosphäre, an die ich mich gewöhnen könnte. Nach nur einem Tag habe ich das Gefühl, dass ich die Gesichter aller Studierenden auf der Strasse wiedererkennen würde, dagegen scheint sogar das kunsthistorische Seminar von beachtlicher Grösse.

Auf dem Nachhauseweg wird mir bewusst, dass ich heute anstatt mein Handy im Stundentakt zu zücken, unzählige Knochen in der Hand gehalten habe. Während das Studium der Kunstgeschichte den Sehsinn beansprucht, kommen in der Archäologie die Hände zum Zug.

Doch die grösste Erkenntnis dieses Experiments ist wohl jene, dass Menschen sich für ganz unterschiedliche Objekte begeistern können, und während mich gewöhnlich Zweifel umtreiben, werde ich mir an diesem Tag meiner Leidenschaft für Bilder gewiss. Meine Augen schauen sich das menschliche Skelett wohl einfach lieber in einer Zeichnung Leonardo Da Vincis an.

Lisa Gianotti

Beim Betrachten einer zerbrechlich verkrampften Hand von Egon Schiele hat sich Lisa Gianotti dazu entschieden, Kunstgeschichte zu studieren. Von der schwerwiegenden Nebeldecke über dem Aargau ist sie der Sonne nach Basel gefolgt. In Museen findet sie die Ruhe, die in ihrem Kopf nicht immer herrscht. Wenn sich keine Leinwand vor ihren Augen befindet, dann tönen Klänge im Ohr. Sie würde gerne seltener Seminararbeiten und öfter Gedichte schreiben und ist in allem, was sie tut, nur halb so schnell wie ihre Mitmenschen.

2 Kommentare

  1. Felix
    Mi, 29. Mai 2019 / 00:26 Uhr

    Selten einen solch schlechten Artikel gelesen, die Darstellung des Studiengangs wirkt als würde von einem Ausflug zu Ausserirdischen berichtet werden und wirklichen Respekt scheint Frau Kunstgeschichte auch nicht zu haben.

  2. Anna
    Do, 6. Juni 2019 / 00:41 Uhr

    Lese schon länger regelmässig den beast-Blog und fand das Konzept das hinter diesem Artikel steht, sowie den Artikel ganz allgemein ziemlich gelungen. Fehlender Respekt gegenüber einem anderen Fach von Seiten der Autorin ist mir nicht besonders aufgefallen. Es ging doch gerade darum, sich in ein ganz anderes Fach zu begeben und da ist es nur normal, dass man sich am falschen Ort fühlt. Dieses Empfinden wurde gekonnt rüber gebracht und der Artikel ist auch gerade deswegen lesenswert.

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