«Die Vielfalt der Fälle macht meine Arbeit sehr abwechslungsreich und spannend»

Derya Tokay-Sahin arbeitet als Richterin am Strafgericht und als Anwältin in einer Kanzlei. Die Alumna der Universität Basel berichtet im Interview, was sie an ihren beiden Jobs fasziniert und welche Tipps sie für Jus-Studierende hat:

Du arbeitest als Richterin am Strafgericht und als Anwältin in einer Kanzlei. Wie bist du hier gelandet?
Ich hatte während des Studiums immer das Gefühl, ich müsse so schnell und so gut wie möglich abschliessen. Dementsprechend habe ich Gas gegeben und immer sehr viele Vorlesungen besucht, sodass ich mit 24 Jahren mein Masterstudium mit Vertiefungsrichtung im Strafrecht abgeschlossen habe.

Danach hatte ich diverse Praktikumsstellen, ich war beispielsweise in der forensischen Abteilung der UPK, beim Strafgericht Basel-Stadt und bei der Bundesanwaltschaft. Anschliessend habe ich ein Anwaltspraktikum absolviert. Während des Praktikums bei der Bundesanwaltschaft hatte ich die Möglichkeit, mich partei-intern für eine Richterstelle zu bewerben.

Da dachte ich: Ich probiere es einfach mal. Ich habe aber keine grossen Hoffnungen gehabt, weil ich eigentlich zu jung war. Aber ich konnte mit meiner Willensstärke überzeugen und wurde dann mit 25 Jahren zur Richterin gewählt. Meine Praktika habe ich aber trotzdem weitergeführt, weil ich die Anwaltsprüfung absolvieren wollte. Das ist ein Muss im juristischen Bereich. Der Uni-Abschluss alleine ist angesichts der grossen Konkurrenz einfach zu wenig. Seit ich das Anwaltspatent erworben habe, arbeite ich zwischen 10-50% als Richterin am Strafgericht und 50% als Anwältin in einer Kanzlei.

War es schon immer dein Traum, Richterin zu werden, oder hat sich das nach und nach so ergeben?
Ich wollte eigentlich schon immer Anwältin werden, Richterin – das war immer sehr weit entfernt, quasi das oberste Ziel, das erst sehr viel später kommen würde, nachdem ich sehr viel und sehr hart gearbeitet hätte. Das Studium hat meine Neugier für den Beruf der Richterin sicherlich geweckt – beispielsweise bei einer Exkursion im Strafgericht, wo wir eine Verhandlung ansehen durften. Da dachte ich dann schon: Das wäre toll! Das Ziel war dementsprechend immer im Hinterkopf.

Was fasziniert dich an deinem Job als Richterin und was ist besonders herausfordernd?
Man muss gerne lesen, denn die Akten umfassen tausende von Seiten – das darf einen nicht abschrecken. Die Vorbereitungszeit, also das Sichten der Akten vor den Verhandlungen, ist ausserdem sehr einseitig. An der Verhandlung – dem zweiten, spannenderen Teil – kann man das, was man gelesen hat, herausfiltern und die Angeklagten und Zeugen damit konfrontieren. Deren Reaktionen zu beobachten und einzuordnen ist für mich der spannendere Teil. Ausserdem gefällt mir der soziale Aspekt, denn man ist nah an den Menschen. In der dritten Phase – der Beratungs- und Urteilsphase, muss man all das, was man währende der Verhandlung gesehen hat, einordnen und ein rechtskräftiges Urteil fällen.

Das kann vor allem dann, wenn die Sachlage nicht eindeutig ist, sehr herausfordernd sein. Ausserdem können die Reaktionen der Verurteilten – beispielsweise bei Landesverweisen – sehr emotional sein. Mit diesen Reaktionen und dem Urteil, das man gefällt hat, muss man leben können. Deswegen sage ich auch: Wenn man einwandfrei vorbereitet ist, kann man das Urteil gut vertreten. Die Vielfalt der Fälle – von Drogendelikten über Vergewaltigungs- und Morddelikte – macht meine Arbeit darüber hinaus sehr abwechslungsreich und spannend. Es ist wie ein Krimi, den man lösen muss.

Welches Wissen, das du während deines Studiums erworben hast, hilft dir nun, als Richterin einen guten Job zu machen?
Im Studium beschäftigt man sich hauptsächlich mit Theorien und Straftatbeständen. Das ist nicht sehr praxisorientiert. In den Praktika lernt man dann jedoch, wie man diese Theorien anwenden kann: Wie bewertet man beispielsweise Beweisprobleme? Trotzdem ist die Bewertung der Fälle schlussendlich auch eine Gefühlssache. Dafür braucht es dann auch Fähigkeiten, die man sich über das Studium hinweg aneignen muss. Dazu gehört sicherlich, die Schicksale der Opfer nicht an sich herankommen zu lassen und die Fälle nicht mit nach Hause zu nehmen. Auf der anderen Seite muss man sich emotional von den Delikten abgrenzen und neutral bleiben, so hat ein Pädophiler beispielsweise keine strengere Behandlung verdient als ein Dieb. Gesetz und Strafmass geben den Rahmen vor, in dem ich mich als Richterin bewegen kann. Das ist alles, was zählt. Man muss neben dem Wissen und den Fähigkeiten, die man sich durch das Studium aneignet, also auch persönlich für den Beruf gemacht sein.

«Dafür gemacht sein» – Was bedeutet das für dich?
In erster Linie Sachlichkeit. Sowohl in der Vorbereitung als auch in der Verhandlung. Man muss sachlich bleiben, auch wenn man einen mutmasslichen Sexualstraftäter vor sich hat, gegen den man persönlich sehr abgeneigt ist – ist er wie jeder andere Beschuldigte zu behandeln. Dabei ist auch eine gewisse emotionale Ausgeglichenheit wichtig, beispielsweise wenn man von Angeklagten angelogen wird. Das passiert oft und ist schliesslich auch das Recht des Beschuldigten. Und zu guter Letzt bedarf es eines ausgeprägten Gerechtigkeitsempfindens. Diese drei Aspekte hängen natürlich eng miteinander zusammen. Man muss das Gesetz gerecht anwenden und dabei eine für die Gesellschaft als auch den Täter als gerecht empfundene Strafe verhängen. Da kommt man hin und wieder in einen Konflikt, wenn die Strafen als zu mild empfunden werden. Aber das muss man akzeptieren, denn man kann sich als Richterin nicht über das Gesetz stellen.

Würdest du Aspekte deines Studiums rückblickend anders gestalten?
In einer der ersten Vorlesungen sagte ein Professor, man müsse sich im Jus-Studium vor den Vorlesungen vorbereiten, während den Vorlesungen konzentriert anwesend sein und diese dann nachbereiten. Das hielt ich zu Beginn meines Studiums für übertrieben, aber rückblickend hatte der Professor absolut Recht. Ich habe seinen Rat erst im dritten Jahr befolgt. Das bereue ich heute, denn meine Noten haben sich dadurch immens verbessert. Das ist also der erste Punkt: Fleissiger sein. Darüber hinaus sollte man sich gerade aufgrund der grossen Konkurrenz neben dem Studium in unterschiedlichen Institutionen engagieren, das habe ich erst spät erkannt. Kanzleien bieten beispielsweise Volontariate in den Semesterferien an. Das bringt viele Vorteile mit sich, wenn man sich nach dem Studium beispielsweise für die erste Stelle bewirbt und bereits Praxiserfahrung vorweisen kann. Das empfehle ich wirklich allen Jus-Studierenden.

Neben deiner Tätigkeit als Richterin bist du auch als Anwältin tätig. Was sind dabei die Herausforderungen, auf die man sich einstellen sollte, wenn man diesen Beruf ergreifen will?
Meine Gebiete als Anwältin sind vor allem Vertragsrecht, Familienrecht und Ausländerrecht, aber auch Strafrecht. Ich setze mich also mit diversen Themen auseinander und kann mich so fortlaufend weiterbilden, um auf dem aktuellsten Stand zu sein – Das ist ein grosser Vorteil dieser Tätigkeit. Der Umgang mit Klienten kann jedoch sehr herausfordernd sein, beispielsweise wenn man rechtliche Vorgänge erklären muss. Ausserdem führen die extern gesetzten Fristen nicht selten zu Überstunden und Nachtschichten und bestimmen damit die ganze Bürotätigkeit. Die Abwechslung ist sehr spannend, aber man muss auch wissen, dass die Tätigkeit ein Bürojob ist – an Verhandlungen, die meist ohnehin sehr kurz sind, ist man eher selten.

Du bist vor wenigen Monaten Mutter geworden. Wie ist dein Job mit der Familie vereinbar?
Als Richterin ist es einfach, da sind die Arbeitszeiten klarer und ich bringe keine Arbeit mit nach Hause. Als Anwältin muss man aber auch ausserhalb der regulären Arbeitszeiten da sein, vor allem wenn es beispielsweise eine Verhaftung eines Klienten gibt, der meinen juristischen Rat braucht. Da gibt es sehr dringende Fälle. Auch unerwartete Fristen sind nur schwer kalkulierbar. 50% als Anwältin heisst eigentlich 70%, Überstunden sind in dieser Branche normal. Aber dafür bin ich insofern flexibel, als dass ich mir abgesehen von Gerichtsterminen aussuchen kann, an welchem Tag ich ins Büro gehe. Vereinbarkeit mit einem 100%-Pensum finde ich persönlich allerdings unmöglich, da müsste man die Familie schon im Hintergrund behalten.

Welche Tipps würdest du Jus-Studierenden für eine ideale Vorbereitung auf den Berufseinstieg neben dem Absolvieren von Volontariaten geben?
Macht euch interessant! Macht etwas, was euch entspricht und euch von anderen abhebt. Sei es ein längerer Sprachaufenthalt, eine Weltreise oder besondere Vereinsaktivitäten, die euch begeistern und euch als Person ausmachen – all das wird dazu beitragen, euch ein einzigartiges Profil zu verleihen.

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